Tracht
(Aus
der Festschrift zum 50-jährigen Bestehen der Arbeitsgemeinschaft 2010)
Stets hatten die Gründer und deren Nachfolger ein besonderes Augenmerk auf die Tracht. Bereits lange vor der Gründung der Arbeitsgemeinschaft war der damalige Bezirksheimatpfleger von Schwaben, Dr. Dr. Alfred Weitnauer, um den Erhalt der schwäbischen Tracht bemüht. Stetig war er auf der Suche nach Menschen im Allgäu, die seinem Anliegen, die schwäbische Tracht lebendig zu erhalten, zu erneuern und für die Menschen von heute tragbar zu machen, wohl gesonnen waren. Er fand in Thusnelda Moser und Hella Pichler zwei Trachtenschneider-Meisterinnen und in Doris Walser eine Trachtenberaterin, die ihr Wissen und Können in seine Arbeit einbrachten.
Zitat von Dr. Dr. Alfred
Weitnauer aus der Festschrift zum 25-jährigen Bestehen der Arbeitsgemeinschaft
1985: „Ein von mir
veranstalteter Modeabend im Jahr 1949 oder 1950 im Café Peuschel in Kempten,
auf dem alte schwäbische Trachten und erneuerte Trachten vorgeführt wurden,
fand großen Anklang. Weniger Beifall erntete der Heimatpfleger dann allerdings,
als er mit Vertretern der Gebirgstrachtenerhaltungsvereine ins Gespräch zu
kommen gedachte. Bei einer lautstarken Versammlung im katholischen Vereinshaus
in Kempten, einer Versammlung, die der Diskussion dienen sollte, wurden die
„Unterillertaler“, der Gebirgstrachtenerhaltungsverein, der als einziger die
Umstellung auf die schwäbische Tracht entsprechend den Vorstellungen des
Heimatpflegers vollzogen hatte, von 400 seiner ehemaligen Artgenossen
ausgelacht, schon als die Mitglieder des Vereins in den erneuerten schwäbischen
Trachten das Podium betraten ....“ Zitatende.
Einen
nicht unerheblichen Anteil an der Verbreitung der erneuerten Tracht hatte Hella
Pichler, Gattin des langjährigen Tanzmeisters der Arbeitsgemeinschaft, Heinz
Pichler. Über 100 Trachtennähkurse an der Landwirtschaftsschule in Kempten und
im Umland hat sie abgehalten und ihr fundamentales Wissen über die Entstehung
der Tracht weitergegeben. Ihre in vielen Jahren angelegte Arbeitsmappe mit
Schnittmustersammlungen und zusammengetragenen Forschungsergebnissen hat Hella
Pichler an Monika Hoede, Leiterin der Trachtenberatungsstelle des Bezirks
Schwaben übergeben.
Zum
Glück gibt es heute keine oder nur wenige Streitereien zwischen den Trägern
der erneuerten Trachten und den Gebirgstrachtenerhaltungsvereinen. Jede Art der
Tracht hat ihre Berechtigung. Die Gebirgstracht war und ist Ausdruck der Treue
zum Bayerischen Königshaus nach der Schenkung Schwabens an Bayern durch
Napoleon im Jahre 1803. Die Anpassung an den neuen Herrscher wurde im öffentlichen
Leben sowie im Bereich des Trachtenwesens wie im Bereich der Volkslied- und
Volksmusikpflege angeordnet und vollzogen. Die Gebrauchskleidung der schwäbischen
Bevölkerung war jedoch eine andere. Und so meine ich, hat auch die erneuerte
schwäbische Tracht ihre Berechtigung. Unsere Kulturlandschaft wäre um einiges
ärmer, würde sie fehlen. Sie ist so unterschiedlich wie die Menschen, die sie
trugen oder heute wieder tragen, aber auch so unterschiedlich wie die
Landschaft, in der sie getragen wurde. Sie war immer so individuell wie ihr
Besitzer und die gesellschaftliche Schicht, in der sich ihr Träger bewegte.
(Aus
der Festschrift zum 30-jährigen Bestehen der Arbeitsgemeinschaft 1990)
....
Erwähnt aber haben wir [....], daß die Unterillertaler in Kempten der einzige
Verein in Schwaben war, der vor 40 Jahren die Idee (von Dr. Dr. Weitnauer) in
die Tat umgesetzt hat. Zu verdanken ist dies zwei großen Idealisten des
Vereins, die sich energisch für die Erneuerung eingesetzt hatten: Theresia
Roth, die in diesem Jahr (1990) ihren 100. Geburtstag hätte feiern können, und
Herrn Willi Schaub (+), der sich auch auf anderen Gebieten der Volkstumspflege
sehr stark gemacht hat. Für die Weiterentwicklung der erneuerten Festtracht und
für die Einführung einer sogenannten Sonntagstracht sorgte
Trachtenschneidermeisterin Hella Pichler [....]. Hella Pichler versorgte nicht
nur ihre Vereinskameradinnen mit schönen Trachten, sondern strahlte auch weit
hinaus ins Schwabenland. So kann sie mit berechtigtem Stolz auf folgende Tätigkeiten
hinweisen (bis 1990): 27 Trachtennähkurse beim Bauernverband und an den
Landwirtschaftsschulen Kaufbeuren, Wangen, Leutkirch und Waldsee (1955-1968), 24
Kurse an der Landwirtschaftsschule Kempten (ab 1960), 16 Kurse im Rahmen der
Erwachsenenbildung in Kempten (ab
1974), 18 Kurse beim Verband der Allgäuer Hauswirtschaftsmeisterinnen. Das sind
insgesamt 85 Trachtennähkurse für die erneuerte schwäbische Sonntags- bzw.
Festtagstracht. Eine erstaunliche Leistung! Durch ihren unermüdlichen Einsatz
hat sich Hella Pichler große Verdienste um die schwäbische Tracht erworben.
Die Arbeitsgemeinschaft dankt ihr ganz herzlich dafür.
07.03.2012